im Knast Reich geworden: Beste Grüße aus Sizilien!

  • Vom Hype um Kryptowährungen profitieren auch Kriminelle. Pietro L. weiß, wie das geht: Er ging arm ins Gefängnis und kam als Millionär wieder raus. Porträt eines Milieu-Experten.


    Er hat natürlich nicht damit gerechnet, einmal so viel Asche zu machen, 1,6 Millionen Euro. Er sei "ein schlauer Gangster", sagt Pietro L., das schon. Aber dass er als armer Mensch in den Knast geht, um ihn als Millionär zu verlassen, das habe er sich auch nicht ausdenken können. Er hält bei einem Anruf der ZEIT ein Bündel 50-Euro-Scheine in die Kamera seines Smartphones, fächert das Geld auf, bis sein Gesicht dahinter fast verschwindet. Ist nur ein Bruchteil seines Vermögens, klar. Er sitzt gerade in seiner Wohnung auf Sizilien, Sonne fällt durch das Fenster.



    Pietro L. grinst. Scheint ihm gut zu gehen.


    Fünfmal war er schon in Deutschland im Gefängnis. Er hat falsche Pässe gekauft, Bankkonten unter falschem Namen eröffnet, im Internet Ware angeboten, die es nicht gab – einen Cyberkriminellen, so nennen ihn die Behörden. Vor seinem letzten Haftantritt hat er den Grundstock gelegt für eine bessere Zukunft. Er hat einige Tausend Euro in Bitcoin angelegt, so hat er sie vor dem Staat in Sicherheit gebracht. Nun ist er das, was er immer sein wollte: ein reicher Mann. Und er redet gern darüber, kürzlich in der Bild-Zeitung. Hat man ihn erst einmal ausfindig gemacht, lässt er sich zu einem Videotelefonat nicht lang bitten.


    Dass er es bis hierhin geschafft hat, verdankt Pietro L., 38, deutscher Staatsbürger, den Gesetzmäßigkeiten der Kryptowährung Bitcoin. Jenes digitalen Geldes also, das sich nicht Zentralbanken und Regierungen ausgedacht haben, sondern Programmierer. Und das von libertären Anarchisten gefeiert wird, die den Markt über alles stellen und den Staat verteufeln. Ein bisschen so wie Pietro L.

  • In seiner Geschichte spiegelt sich der Hype um Kryptowährungen, der mittlerweile die ganze Welt in Rausch versetzt; ein Rausch, der auch in diesen Wochen wieder sehr viele Menschen anlockt, aber nur wenige von ihnen reich machen wird. Pietro L.s kriminelle Karriere zeigt auch, wie wenig der Staat Cyberkriminellen entgegenstellen kann, während sie ihn und seine Bürokratie genüsslich vorführen.


    Zuletzt wurde Pietro L. im Sommer 2016 vom Landgericht Traunstein verurteilt. Die Richter der Zweiten Strafkammer bescheinigten ihm da "eine gehobene Intelligenz". Aus der Urteilsbegründung geht hervor, dass L. ein entwurzeltes Leben geführt hat. Er schafft es nach mehreren Schulwechseln in den 1990er-Jahren, in Schleswig-Holstein die Mittlere Reife zu machen – doch in Bayern wird der Abschluss nicht anerkannt. Seine Pläne, auf eine Fachoberschule zu gehen, scheitern, heißt es im Urteil. Er verliert eine Lehrstelle, nachdem er einen Diebstahl begeht; nimmt zeitweise Drogen und landet mit Anfang 20 zum ersten Mal im Knast.


    Als er wieder raus ist, entwickelt L. sich zu einem Prototyp des ausgefuchsten Cyberkriminellen, der sich im Darknet die nötigen Mittel beschafft, um sich an unbedarften Menschen und Firmen zu bereichern; einer, der seine Beute nicht mühsam in einem entlegenen Waldstück vergräbt, sondern ins Bitcoin-Netzwerk transferiert – wo sie noch besser versteckt ist.


    Er bucht Ferienwohnungen unter falschen Personalien, mal nennt er sich Alexander Huber, mal Bastian Müller, mal Mario Conte; das Geld lässt er von einem fremden Konto einziehen, dann macht er Ferien mit seiner Freundin. Pietro L. kauft im Netz auch Reisegutscheine, er bezahlt sie mit Kreditkartendaten Dritter, die davon nichts wissen. Mit den Gutscheinen bucht er eine Thailandreise; via Dubai geht es nach Bangkok und weiter zum Badeort Pattaya. Dort steigt er im Hilton ab, aus dessen Infinity-Pool man den Blick auf die Bucht genießen kann.


    Pietro L. betrügt im Netz, wo es geht. Er bestellt Artikel unter falschem Namen, eine Spielkonsole zum Beispiel und Smartphones, stets bezahlt er mit den Daten geklauter Kreditkarten, die er sich zuvor auf unbekannte Weise, jedenfalls aber "gegen den Willen und ohne Wissen" der Inhaber besorgt hat, so steht es in dem Urteil des Landgerichts Traunstein.

  • Und er geht noch weiter. Über das Darknet besorgt sich L. gefälschte Pässe und Führerscheine. Es gelingt ihm, unter falschem Namen Sozialleistungen zu erschleichen und einen Opel Astra zuzulassen. Vor allem aber nutzt er die gefälschten Ausweise, um Konten bei diversen Banken zu eröffnen. Dann verkauft er über eBay Kleinanzeigen Waren, die er gar nicht besitzt – und auch nie liefert. Das Geld lässt er sich auf die falschen Konten überweisen, verteilt es schnell weiter. Es ist eine weitverbreitete Masche (ZEIT Nr. 14/21), doch Pietro L. treibt sie auf die Spitze: Er bietet auch anderen Betrügern an, die Erlöse solcher Fake-Geschäfte auf einem seiner Konten zu sammeln. Dann kauft er damit Bitcoin, die er den Tätern zukommen lässt – abzüglich einer Provision für sich selbst.


    "Im Untergrund", sagt Pietro L., "wird alles in Bitcoin abgewickelt."


    Im Herbst 2015 kommen die Ermittler Pietro L. auf die Schliche. Ein Nutzer mit dem Namen "kackhaufen" bietet in einem Untergrundforum Ausweispapiere an; die Spur führt zu Pietro L. Die Ermittler hören nun seine Telefone ab, im Dezember 2015 wird er geschnappt. In einer Ferienwohnung, natürlich. Vor Gericht gesteht er. Die Richter legen eine Haftstrafe von fast fünf Jahren fest und stellen einen Schaden von 41.085 Euro und 18 Cent fest. Das Motiv ist aus ihrer Sicht eindeutig: Der Angeklagte wollte sich "eine Einnahmequelle von erheblicher Bedeutung verschaffen, um seinen Lebensunterhalt nahezu ausschließlich damit zu finanzieren".


    Pietro L. schwenkt mit seinem Handy über die Dächer von Sizilien, zeigt auf den hellblauen Himmel. Er ist nach dem Ende seiner Haft aus Bayern hergezogen. "Ist schön hier", sagt er. Es wirkt nicht so, als habe er ein schlechtes Gewissen. Man bekommt fast den Eindruck, er spotte heute über die Richter, die ihn nur für ein paar seiner Delikte bestraft und die "unendlich viele Taten" gar nicht berücksichtigt hätten. "Und so kam eigentlich diese jämmerliche Restsumme von 41.000 ins Urteil rein", sagt Pietro L., verletzt in seinem Betrüger-Stolz. Er selbst schätzt den Schaden auf 200.000 bis 300.000 Euro.


    Die Strafe dafür hat er verbüßt. Aber beim Landgericht Traunstein heißt es, dass die Geschädigten verlorenes Geld durchaus zurückverlangen könnten. Dafür müssten sie zivilrechtlich gegen Pietro L. vorgehen und Schadensersatz fordern. Seine Bitcoin zu pfänden dürfte allerdings schwierig werden – an die kommt man nämlich kaum heran.

  • Das mussten schon die Ermittler erkennen. Im Gerichtsprozess vermutet laut Urteil einer von ihnen, dass Pietro L. "unter verschlüsselten Zugangscodes ergaunerte Vermögenswerte im Internet, insbesondere als Bitcoin-Währung", aufbewahrt und darauf nach der Haft wieder zugreifen will. Pietro L. hat Bitcoin gekauft, als deren Kurs noch bei 300 Euro stand. Inzwischen ist ein Bitcoin etwa 45.000 Euro wert, also das 150-Fache. L. sagt, sein Kryptoguthaben sei mittlerweile 1,6 Millionen Euro wert. Er verwaltet das Geld mit verschiedenen digitalen Brieftaschen, den sogenannten Wallets. Allein in seiner Haupt-Wallet befinden sich etwa 28 Bitcoin, überprüfen lässt sich das nicht, aber zum Beweis schickt er einen Screenshot. Aktuell sind allein sie fast 1,3 Millionen Euro wert.


    Dass an die Coins niemand außer ihm rankommt, liegt in der Natur des Bitcoin. Die Kryptowährung wird in einer Datenbank verwaltet, die sich Blockchain nennt. Man kann sie sich wie eine Vielzahl von Konten oder Schließfächern vorstellen, in denen die Bitcoin hinterlegt sind. Das Besondere an der Blockchain ist, dass alle Transaktionen öffentlich einsehbar sind, aber kein Gerichtsvollzieher und kein Staatsanwalt per Beschluss darauf zugreifen kann. Um an das Vermögen einer bestimmten Adresse zu kommen, bedarf es eines Zugangscodes, des sogenannten "privaten Schlüssels" – darstellbar als eine Folge aus 256 Nullen und Einsen, die nicht zu knacken ist.


    Pietro L. würde diesen Schlüssel nie herausrücken. Vor der Kamera in der sizilianischen Stadt Catania erzählt er, wie gut er sein Vermögen geschützt hat. Es gebe zwei Wege, wie er auf den privaten Schlüssel zugreifen könne, sagt Pietro L. Der eine: über eine Wallet, also jenes Computerprogramm, in dem der Schlüssel abgespeichert ist, eine Art digitales Portemonnaie. Er habe seine Wallet mit einem Passwort geschützt. Für den Zugriff sei zudem ein SMS-Code nötig und ein sogenannter Dongle, eine Art USB-Stick, den man in den Computer einstecken muss.


    So schützen viele Coiner ihre Wallet – und es gibt Fälle, in denen die Eigentümer einer Bitcoin-Adresse nicht mehr auf sie zugreifen können. Stefan Thomas etwa, ein deutscher Unternehmer aus dem Silicon Valley, über den die New York Times berichtete. Der Zeitung zufolge hat der Mann früh 7002 Bitcoin gekauft. Heute sind sie über 300 Millionen Euro wert – aber ihm fällt das Passwort für seine Wallet nicht mehr ein. Schlimmer noch: Er hat es schon acht Mal falsch eingegeben und hat offenbar nur noch zwei Versuche. Schlagen die fehl, ist das Geld für immer weg.


    Pietro L. kann das nicht passieren. Falls er seine Wallet nicht mehr öffnen kann, bleibt noch der zweite Weg, um an die Coins zu kommen. Dafür hat er seinen Zugangscode, den privaten Schlüssel, auch auf Papier notiert. Und dieses Papier hat er in drei Teile getrennt und an verschiedenen Orten deponiert; wo, das weiß allein er. "Ich bin ein gebranntes Kind, da bin ich vorsichtig", sagt er. 1,7 Bitcoin hätten die Staatsanwälte sich "unter den Nagel gerissen", sagt er. Dokumenten ist zu entnehmen, dass dies möglich war, weil sich über einen bei Pietro L. sichergestellten Rechner eine seiner Wallets öffnen ließ. Allerdings habe es sich um Bitcoin gehandelt, die er eigentlich bereits an seine Mutter abgetreten habe. "So ein hinterlistiges Pack", schimpft Pietro L. Die Bösen, das sind in seiner Welt immer die anderen.

  • Während der Haft sei es hart gewesen, nicht auf seine Bitcoin zugreifen zu können, sagt er. Er habe von seiner Zelle aus den Kurs über den Fernseher im ntv-Ticker verfolgt. Internet gab’s nicht. "Als der Bitcoin zwischendurch mal auf 4000 Dollar abgestürzt ist, da dachte ich schon: O Mannomann, warum kommst du hier nicht endlich mal raus?"


    Heute schiebt er regelmäßig Summen zwischen den verschiedensten Kryptowährungen hin und her. Wenn einem Coin der Absturz droht, setzt er auf einen anderen, L. hat auch Ethereum und Binance Coins und Dogecoins. Der Kursrutsch von Bitcoin vergangene Woche habe ihn "ziemlich erwischt", sagt er. "Da waren über 100.000 Euro weg." Aber so sei es nun mal. Ab und zu verkaufe er kleine Teile seines Guthabens über jene Börsen, auf denen sich Kryptowährungen handeln lassen, und überweise den Erlös auf ein Konto. Dann ziehe er sich das Geld an einem Automaten.


    Er will nun Italienisch lernen und mit seiner Freundin eine größere Wohnung auf der Insel finden. Nachts ignoriere er manchmal die Ausgangssperren, sagt er, fahre aus der Stadt raus, zu einem Plateau, von wo aus er das Meer und den Ätna sehen kann.


    Dem Staat gönnt Pietro L. keinen Cent. Im Gegenteil. Er verlangt sogar Geld, unter anderem weil seine Handydaten fahrlässig gelöscht worden sein sollen oder weil ein Arzt im Knast seinen Rücken falsch behandelt haben soll. Das Geld will er haben, er kenne seine Rechte. Jura habe er sich schließlich selbst beigebracht. Während des Gesprächs mit der ZEIT zitiert Pietro L. immer wieder Paragrafen. Er hat Bücher gekauft, "Strafvollzugsgesetze", "Strafgesetzbuch", "Strafprozessordnung". Einmal hat er einen Kommentarband im Netz bestellt – unter falschem Namen und mit fremden Kreditkartendaten. Der Mann, den eine Vollzugsbehörde einen "Bewährungsversager" nennt, hat unzählige Beschwerden gegen seine Haftbedingungen verfasst. Zuletzt zog er wegen eines Briefes, den die Gefängnisleitung abfing, vor das Bundesverfassungsgericht. Und bekam dort recht. Pietro L. will den deutschen Staat, den er so pedantisch findet, mit seiner Pedanterie schlagen.


    Die Geschichte von Pietro L. erzählt viel darüber, welchen Schaden das Bitcoin-System anrichten kann. Als er in den Knast einfuhr, war er verschuldet, nur ein paar Tausend Euro hatte er übrig. Während er hinter Gittern saß, kauften immer mehr Menschen Bitcoin, anders als Pietro L. vor allem unbescholtene Anleger. Sie verbanden damit keine bösen Absichten, und doch haben sie dazu beigetragen, dass die Kurse stiegen; dass Kriminelle wie Pietro L., für die Kryptowährungen schon vor Jahren das Mittel der Wahl waren, um erbeutetes Geld in Sicherheit zu bringen, reich geworden sind. Pietro L. verdankt seinen Wohlstand ausgerechnet jener Gesellschaft, die er betrügt, verachtet, bekämpft. Bitcoin macht es möglich.


    Wie wäre es denn, das mit der Bitcoin-Spekulation gewonnene Geld an die Menschen zurückzugeben, die er betrogen hat? Von Sizilien aus schaut Pietro L. in die Kamera seines Smartphones. "Das wäre tatsächlich mal zu überlegen", sagt er. Aber er wisse gar nicht, ob er die alle noch finden würde. "Ich werde das mal in Erwägung ziehen."


    Die Websites, auf denen Betrüger gefälschte Ausweise und gestohlene Kreditkartendaten handeln, die hat er noch auf seinem Bildschirm geöffnet; daraus macht er kein Geheimnis. Er wolle nur auf dem Laufenden bleiben, behauptet er; schauen, welche Methoden gerade so angesagt sind. Mitmachen will er nicht. Er ist ja jetzt reich. Zumindest, bis der Bitcoin-Kurs wieder ins Bodenlose fällt.

  • Wirklich eine schöne Geschichte, wenn Pietro auch ein echter Scheisstyp ist. Da passt es sehr gut, dass er sich im Darknet den Namen "Kackhaufen" gegeben hat. Es wird jede Menge Krimineller wie Pietro geben, die noch auf einem Berg von Bitcoin sitzen. Man kann nur hoffen, dass es den IT-Abteilungen der Behörden gelingen wird, den Bitcoin irgendwie habhaft zu werden.


    Immerhin werden ja immer mal wieder große Mengen Bitcoin beschlagnahmt und dann von den Behörden verkauft. Hoffentlich erwischt es auch mal den Pietro.

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